Digitalisierung in Zeiten von COVID-19

Autoren: Jan Hartung (Senior Consultant) und Dr. Ingo Hofacker (Senior Advisor; ehemals Senior VP IoT bei T-Systems)

Covid-19 bringt den Durchbruch für die Digitalisierung? Schön wär’s!

Verfolgt man in den letzten Monaten die Diskussionen in Social Media, Web, Presse und anderorts kann man schnell den Eindruck gewinnen, Covid-19 hat zumindest der Digitalisierung – in Deutschland – endlich zum Durchbruch verholfen: Videokonferenzen sind Standard – ohne sie kein Home-Office. Tat sich früher jemand schwer, einer Konferenz beizutreten, führte das in der Regel zu einem Shitstorm in der Runde gegen den Anbieter des Tools. Heute gibt es eher Verständnislosigkeit und Kopfschütteln seitens der anderen Teilnehmer. Die virtuellen Meetings sind – richtig geführt – in den meisten Fällen produktiver, man kann schneller Inhalte teilen und auch die Aufmerksamkeit scheint oft größer. Ein Gewinn auch an Flexibilität und Geschwindigkeit – keine Frage!

 

Aber Digitalisierung ist und kann viel mehr. Sie hat das Potenzial interne Abläufe radikal zu vereinfachen oder sogar überflüssig zu machen und neue, nachhaltig erfolgreiche Geschäftsmodelle überhaupt erst zu ermöglichen. Und genau hier schlägt nun die Kehrseite des Lock-down für die Digitalisierung zu. Während die Nutzung von Videokonferenzen alternativlos für die Fortführung des laufenden Geschäfts war, nicht mit relevanten Investitionen einherging und in aller Regel finanzielle und zeitliche Einsparung mit sich brachte, erfordert eine echte Digitalisierung des eigenen Geschäfts durchaus Investitionen – zum Teil in relevantem Ausmaß. Da aber viele Unternehmen noch nicht über eine Digitalisierungsstrategie inklusive einer validen Abschätzung des finanziellen Nutzens verfügen, sind angesichts des Sparzwangs Digitalisierungsprojekte die ersten, die auf der Streichliste landen. Der Reflex vieler Unternehmen ist aktuell leider: Für unsere lang- und mittelfristige Zukunft vermutlich wichtige Ausgaben stoppen damit wir unser bisheriges Geschäft durch die Krise retten können – zumindest aber die Dividendenerwartungen unserer Aktionäre trotz Krise erfüllen.

„Digitalization boot-strapped“: Kurzfristige Potenziale heben – um dadurch langfristig am Markt erfolgreich zu sein

Die Einsicht in das Notwendige – nämlich kurzfristig Geld zu sparen – schließt nach unserer Erfahrung jedoch das Wichtige nicht aus: Das Unternehmen und sein Geschäftsmodell für die Zukunft aufzustellen. Wie kann das mit Hilfe digitaler Tools und damit möglicher innovativer Arbeitsweisen gelingen – denn Videokonferenzen sind nur ein kleiner Teil dessen, „was heute geht“. Während Digitalisierung natürlich nur ein Hebel von vielen ist, wollen wir uns in diesem Artikel jedoch den Chancen, die sie ermöglichen kann, im Speziellen widmen.

 

Mit der Kombination zweier Methoden gelingt die vermeintliche Quadratur des Kreises: Zunächst durchleuchten wir das Unternehmen oder einzelne Bereiche auf Effizienzhebel durch Digitalisierung. Dabei machen wir uns unsere langjährige und umfassende Erfahrung beim Aufbau von Startups zunutze. Für wirtschaftlich erfolgreiche Startups ist es Teil ihrer DNA, wo immer möglich Kosten von Anfang an zu vermeiden, indem moderne Techniken und innovative Lösungen zur weitgehend automatisierten Aufgabenerledigung eingesetzt werden. Bewährte Ansätze können in jedem Unternehmen helfen, bisher ungenutzte Potenziale zu heben. Genau das machen wir mit unserem bewährten Ansatz „Cost-Reduction-like-a-Startup“.

 

Wir sind der festen Überzeugung, dass mit einer Startup Mentalität langfristig mehr Kosten gespart werden können als durch klassische Herangehensweisen. Startups bauen eine dauerhaft niedrige, effiziente Kostenbasis auf und nutzen neueste, innovative Technologien (z.B. Cloud-Services), um diese zu verwirklichen. Wir haben in unserer Arbeit sechs Muster erkannt, die eine langfristig niedrige Kostenbasis sicherstellen:

 

  • Digital Literacy: Verständnis für digitale Technologien und Tools aufbauen (z.B. durch Reversed Mentoring: „Digitale Native“ trainiert erfahrenen Mitarbeiter)
  • Technological Mindset: Permanenter Fokus auf neue Technologien und Opportunitäten (z.B. CB Insights Startup-Monitor)
  • Digital-First Action: Neue Prozesse sofort digital anlegen (z.B. Oculavis AR Remote Support in neuem Werk)
  • Save smart & pragmatic: Sparen als Teil der Kultur, top-down vorgelebt (z.B. Uber Business für Manager statt Limousinen-Service)
  • Value Flexibility: Variable Kosten Fixkosten vorziehen, um kurzfristige Cashflow Flexibilität sicherzustellen (z.B. Nutzen von pay-per-use Microservices)
  • Smart Outsourcing: Prozesse durch externe Expertise besser und günstiger gestalten (z.B. Kunden-Service durch Conectys)

 

Etablierte Unternehmen sind keine Startups, aber können von deren Erfahrungen profitieren – vor allem in Umgang mit digitalen Technologien. Mit unserer Unterstützung können Sie den Status-Quo Ihrer Kostenbasis analysieren und gemeinsam Potentiale erkennen.

Status-Quo Kosteneffizienz und Potentiale

Abbildung: Beispiel-Analyse und Benchmarking der Unternehmens-Kostenbasis eines Klienten.

 

Wir helfen Ihnen mit unserer langjährigen Expertise, diese Potentiale zu realisieren. Als Beispiel kann hier die Remote Support Lösung, die wir für einen Deutschen Maschinenbauer etabliert haben, dienen. Durch AR basierter Software wurde dem in der Schweiz sitzenden Support Team ermöglicht, globale Anfragen in über der Hälfte der Fälle remote zu lösen, anstatt wie zuvor zum Werk reisen zu müssen. Nach wenigen Monaten konnten so durch Einsparung von Reisekosten und durch schnellere Reparaturen und den daraus resultierenden, besseren Maschinenlaufzeiten, die Kosten für die Einführung amortisiert werden.

Vermiedene Kosten sinnvoll reinvestieren

Ein Teil der vermiedenen Kosten wird dann in die Entwicklung des digitalen Produkt- und Serviceportfolios investiert. Dabei geht es nicht darum, Probleme für vorhandene oder bekannte digitale Technologien zu finden, sondern ausgehend von existierenden – bis dato ungelösten – Kundenproblemen, die richtigen Technologien zu identifizieren und mit deren Hilfe eine differenzierende Lösung zu erarbeiten. Um das weite Feld der Digitalisierung für das Unternehmen greifbar zu machen und zu strukturieren setzen wir unsere bewährte Digital Value Canvas® ein: Unser Framework zur Identifizierung und Kommunikation von Werttreibern. Neben direktem Umsatz und Kostenreduktionen, geht die Digital Value Canvas® auch auf schwer greifbare Werttreiber ein und ermöglicht so einen holistischen Blick auf Ihr Portfolio. Eine detaillierte Erklärung des Frameworks und Beispielrechnungen finden Sie in diesem Artikel: Digital Value Canvas Part 1: Inner Ring.

Digital Value Canvas

Abbildung: Digital Value Canvas: Wo schaffen Ihre Digitalprodukte wert?

 

Das Framework setzt sich aus drei Ringen zusammen. Der Innere Ring thematisiert direkte Umsätze und direkte Kostenersparnisse, die durch ein digitales Produkt erzielt werden können. Der Mittlere Ring thematisiert den Einfluss des digitalen Produktes auf die Wertschöpfungskette des Unternehmens und dessen Kernprodukte:

 

  • Kundenzufriedenheit & -bindung: Erhöhung der Kundenzufriedenheit und damit längere Kundenbindung, z.B. Überwachung des Maschinenzustands und Erfassung von Längsschnittdaten
  • Absatz im Kerngeschäft: Ergänzung der Kernprodukte und dadurch mehr Verkauf des Kernprodukts, z.B. durch Bereitstellung zusätzlicher Funktionen, Daten und Erkenntnisse, die eine effizientere Nutzung fördern
  • Mitarbeiter-Effektivität: Befähigung der Mitarbeiter zu effektiveren Arbeitsweisen, z.B. durch ein Online-Kundenschulungstool
  • Prozessgeschwindigkeit & -qualität: Unterstützung von höherer Effizienz und Ausgabequalität, z.B. durch Nutzung von Augmented-Reality-Technologie für die Maschinenwartung
  • Auslastung Infrastruktur: Verbesserung der Maschinenauslastung durch neue digitale Produkte, z.B. über einen unternehmensinternen Kapazitätenmarktplatz zur Verwaltung von 3D-Druckkapazitäten in den Produktionsstätten

 

Der Äußere Ring behandelt schwer quantifizierbare Werttreiber, die oft als wichtig angesehen jedoch schwer gemessen werden können:

 

  • Strategische Wette: Generierung direkter Einnahmen in der Zukunft durch eine frühzeitige Investition, z.B. durch frühzeitige Investitionen in Blockchain-Technologie
  • Equity Story: Hervorhebung der digitalen Agenda und Erfolge zur Steigerung der Unternehmensbewertung, z.B. durch die Ankündigung eines neuen Blockchain-Geschäftsmodells
  • Markenbekanntheit: Verbesserung der Wahrnehmung durch Stakeholder, z.B. durch die Einrichtung eines digitalen Labs in Berlin
  • Employer Branding: Erhöhung der Attraktivität der Organisation für (potentielle) Mitarbeiter, z.B. durch eine spezielle Employer Branding-App
  • Agile Kultur & Weiterbildung: Entwicklung neuer Fähigkeiten und Fachkenntnisse durch die Arbeit mit neuen Technologien, z.B. durch Lernen während der MVP-basierten Produktentwicklung
  • Technologie- & Datenkompetenzen: Die Anwendung neuer Technologien und Erkenntnisse aus Datennutzung kann zu neuen digitalen Produkten führen, z.B. zur Einführung von KI-Technologie
  • Ökologische & soziale Nachhaltigkeit: Der wirtschaftliche Wert wird zunehmend durch nachhaltige Geschäftspraktiken bestimmt, z.B. durch die Vermeidung zukünftiger CO2-Steuern

 

Auf Basis der existierenden Unternehmensstrategie erarbeiten wir ein ideales Zielbild in der Digital Value Canvas®, das als interne Benchmark dient. Im Anschluss bewerten wir gemeinsam die digitalen Initiativen Ihres Unternehmens anhand der Canvas und erstellen eine Portfolio Heatmap. Diese wird mit dem idealen Zielbild verglichen. Aus dem direkten Vergleich leiten wir dann strategische Aktionen ab. Diese nähern langfristig den Wertbeitrag des Digitalportfolios dem Zielbild an und stellen maximalen Kundenfokus sicher. Dazu gehört auch die Repriorisierung von Investments in digitale Produkte.

 

Es bietet sich an diese Schritte vierteljährlich zu wiederholen, um regelmäßig auf Veränderungen der Kundenerwartungen reagieren zu können.

Beispiel ausgefüllte Digital Value Canvas

Abbildung: Excubate Kundenbeispiel – Zielbild Portfolio Wertgenerierung (links) und Delta zwischen Status quo und Zielbild (rechts); erstellt mit dem Digital Value Canvas® Online Tool.

 

Aus der strategischen Ausrichtung des Portfolios lassen sich konkrete Anforderungen an die Organisation ableiten. Größte Herausforderung ist hierbei das oft in Silos organsierte Unternehmen über die Einheiten hinweg zum Zusammenspiel zu bewegen. Gemeinsam führen wir eine Bestandsaufnahme der Organisation durch und leiten langfristige Initiativen ab. Unterstützt wird der Wandel durch das fokussierte Einsetzen digitaler Tools und das Einrichten digitaler Prozesse zur Effizienzhebung im Kerngeschäft. Schrittweise wird so auch die analoge Unternehmenskultur zu einer digitalen und agilen Kultur weiterentwickelt. Das Fundament bilden schließlich digitale Enabler: Ausgewählte, innovative Technologien helfen Ihnen dabei Ihre klassische IT Struktur langfristig zu modernisieren und das Sammeln von relevanten Daten sicherzustellen.

 

Wenn Ihnen obige Herausforderungen bekannt vorkommen oder Ihnen unsere Lösungsansätze gefallen, freuen wir uns mit Ihnen in die Diskussion zu kommen!

 

Rufen Sie an oder schreiben Sie uns eine E-Mail (Jan.hartung@excubate.de), um sich für unser kostenloses Value Management Webinar anzumelden oder einen persönlichen, unverbindlichen Call mit einem Experten zu vereinbaren.

 

Mehr Infos zum Digital Value Management finden Sie auf: https://www.excubate.de/digital-value-management/

 

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